Seevogelbestände nehmen stark ab

11. Deutsches See- und Küstenvogelkolloquium der AG Seevogelschutz

 

Die Bestände der meisten See- und Küstenvögel an Nord- und Ostsee nehmen weiter ab. Bei vielen Arten werden sogar extreme Einbrüche von etwa 50 Prozent binnen 20 Jahren registriert. Betroffen sind sowohl Brutvögel wie der allbekannte Austernfischer als auch Rastvogelarten wie Meeresenten. Das berichteten Wissenschaftler auf dem Deutschen See- und Küstenvogelkolloquium vom 18. bis 20. November in Hamburg.

 

Auf dem Kongress der Arbeitsgemeinschaft Seevogelschutz wurde auch verfeinerte Technik von Datenloggern und auf GPS-Basis vorgestellt. Mit Sendern versehene Vögel melden immer bessere Details über ihr Verhalten in Raum und Zeit. So klären sich verheerende Einflüsse von Raubtieren wie Fuchs, Marderhund und Mardern auf die Brutvögel an den Küsten. Sie rauben nachts bis zu 90 Prozent der Eier aus den Nestern der Bodenbrüter.

 

Telemetrische Methoden enthüllen auch die negativen Auswirkungen der riesigen Offshore-Windenergieanlagen mit Zerschneidung von Nahrungsgründen und Lebensräumen der Seevögel. So meiden die meisten Spezies wie Trottellummen, Enten und Basstölpel die Industrieanlagen z.B. vor Helgoland. Nur sehr wenige Tölpel und Dreizehenmöwen fliegen bisherigen Daten zufolge in die Anlagen ein. Ob die Tiere dabei gelegentlich von den Rotoren erschlagen werden, lässt sich mit diesen Methoden nicht klären, ist aber nicht auszuschließen.

 

Einige weitere Problemfelder, die den 160 Teilnehmern der Tagung präsentiert wurden:

 

AUSTERNFISCHER: An der Festlandküste und im Vorland des Wattenmeeres brütende Austernfischer ziehen kaum noch Nachwuchs auf. Der Charaktervogel der Küste leidet vor allem unter den häufiger werdenden Prädatoren wie Fuchs & Co. In Naturschutzkögen von Dithmarschen bis Nordfriesland gab es zu oft minimale Bruterfolge von 0,1 Jungen pro Paar oder Totlausfälle. Dagegen liegt auf Halligen wie Oland die Quote bei 1,5 flügge werdenden Küken. Allein in Schleswig-Holstein halbierte sich die Zahl der Austernfischer-Brutpaare von gut 20.000 im Jahr 1998 auf jetzt 10.000. Häufigere Hochwasser zur Brutzeit als Folge der Klimaerwärmung bilden eine weitere Gefahr mit Überflutung von Niststandorten.

 

MEERESENTEN: Die Zahlen der überwinternden Eider-, Eis-, Samt- und Trauerenten sind in der Ostsee stark eingebrochen. Unterschiedliche Berechnungen nennen je nach Art für die Jahre von 1992 bis 2009 einen Verlust in Höhe von rund 20 bis 65 Prozent. So wird z.B. der Bestand der Eisenten von Nordeuropa bis Westsibirien auf 1,6 Millionen Vögel geschätzt. 1992 sollen es noch 4,6 Millionen gewesen sein. Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig: Im Brutgebiet veränderte Nahrungsbedingungen aufgrund des Klimawandels, Einfluss von Öl- und Erdgasgewinnung sowie Jagd. Im Winterquartier Ostsee weniger Muschelnahrung, Ertrinken in Stellnetzen, Störungen durch Schiffsverkehr und Offshore-Windanlagen. Eis- und Samtente gelten deshalb als gefährdet bzw. stark gefährdet eingestuft.

 

KITESURFEN: Der Freizeitsport Kitesurfen vor der Küste sorgt für Konfliktpotential. Untersuchungen ergaben, dass Meeresenten und Seetaucher schon auf 1 bis 2 Kilometer Distanz aufgescheucht und vertrieben werden. Gewöhnungseffekte der Tiere gab es nicht. Grund: Kitesurfer ändern für die Vögel unberechenbar den Kurs, kommen auf nicht einschätzbare Geschwindigkeiten von 50 bis 100 Stundenkilometern und die bis zu 16 Quadratmeter großen Schirme machen überraschende hohe Luftsprünge möglich. Kitesurfen wird zunehmend vor empfindlichen Vogelrastgebieten verboten.

 

HINWEIS:

Dies ist nur ein kurzer Überblick über einige Themen der Tagung. Die gut 25 Vorträge von 55 Wissenschaftlern auf dem 11. Deutschen See- und Küstenvogelkolloquium der AG Seevogelschutz vom 18.-20. November 2016 in Hamburg-Wilhelmsburg werden ausführlich im nächsten Jahr in der Jordsand-Zeitschrift SEEVÖGEL veröffentlicht. Die Tagung wurde von der AG Küstenvogelschutz, Vorsitzender Rolf de Vries, mit organisatorischer Unterstützung der Behörde für Umwelt und Energie der Freien und Hansestadt Hamburg und des Vereins Jordsand organisiert und durch Mittel der NUE Hamburg unterstützt.

Kontakt

Verein Jordsand zum Schutz der Seevögel und der Natur e. V.

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